Die Besitznahme von Ösel 

Ausschiffen deutscher Landungstruppen
Ausschiffen deutscher Landungstruppen

Berichte aus dem deutschen Großen Hauptquartier
vom 15. und 17. XII. 17

General d. Infanterie v. Kathen
v. Kathen

I.

Die den Rigaischen Meerbusen im Norden absperrende Inselgruppe Ösel, Moon und Dagö, Worms und die Halbinsel Werder bildete die der Festung Reval unterstellte strategische Moon-Sund-Stellung. Stark ausgebaute Küstenbatterien, besonders auf der Insel Ösel, weitausgedehnte Minenfelder schützten und sicherten die Operationen der russischen Seestreitkräfte zwischen dem Finnischen und Rigaischen Meerbusen und bildeten ein Ausfalltor in die Ostsee. Nach der Einnahme von Riga, nach dem Vorschieben des linken Flügels der VIII. Armee bis über die livländische Aa und der Gewinnung des rechten Düna-Ufers bei und unterhalb Jakobstadt hatte sich die strategische Lage unserer Nordostfront derart geändert, daß die seestrategischen Verhältnisse ihr angepaßt werden mußten. Die Ausnutzung des Hafens Dünamünde-Riga, die Anlehnung des linken Armeeflügels an den Rigaischen Meerbusen, ungeschützt gegen etwaige Flankenwirkung der hier noch unbeschränkt operierenden Flotte, gebot die rücksichtlose Öffnung der gesperrten Einfahrtstraßen, die Vertreibung der russischen Seestreitkräfte und die Beherrschung dieser Gewässer durch die deutsche Flotte. Das Ziel war groß, das Unternehmen ernst! Truppenlandungen über See unter dem Feuer starker Küstenwerke sind selten in der Kriegsgeschichte mit Erfolg durchführbar gewesen. Gegen teilweise veraltete türkische Werke versuchte der Engländer bei Gallipoli vergeblich die Landung und erlitt damals eine empfindliche Niederlage. In der Ostsee mußte der Widerstand der stark ausgebauten und befestigten Inselgruppe gebrochen, mußten weit angelegte Minenfelder geöffnet werden. Unmöglich konnten zeitraubende Vorarbeiten dem wachsamen Gegner verborgen bleiben. Als Handstreich war das Unternehmen kaum zu planen. Es galt vielmehr während der Niederkämpfung schwerer und schwerster Küstenbatterien Truppenlandungen in größerem Umfange einzuleiten und durchzuführen. Die Gesamtaufgabe für die zu diesem Zwecke vereinigten Land- und Seestreitkräfte bestand zunächst in einem gemeinsamen Angriff gegen die Inselgruppe Ösel- Moon und in der Sperrung des Großen Moonsundes für die russische Flotte. Die Ausgabe der unter den Befehl des Vizeadmirals Schmidt gestellten Seestreitkräfte war zunächst die sichere Durchführung der Truppentransporte gegen die beabsichtigten Landungsstellen in der Taggabucht und bei der Halbinsel Pamerort, Unterstützung der Landung durch Niederkämpfung der Batterien Hundsort, Ninnast und Pamerort und die Sicherung der rechten Flanke gegen See durch Demonstration gegen die Befestigung der Halbinsel Sworbe. Im ferneren Verlauf sollte die Flotte den Angriff der Landungstruppen gegen den Brückenkopf von Orrissar und gegen die Insel Moon mit allen verfügbaren Kräften unterstützen. Teile der Schlachtflotte sollten darauf die mit vier 30,5 cm-Geschützen besetzte Batterie Zerel auf der Südspitze der Halbinsel Sworbe niederkämpfen, die Minenfelder zwischen Sworbe und der kurländischen Küste durchbrechen, in den Rigaischen Meerbusen eindringen, die russische flotte zum Kampf stellen oder aus dem Meerbusen vertreiben und einen etwaigen fluchtartigen Abtransport der russischen Truppen von der Insel Ösel zur See verhindern.
Die Leitung der Operationen war dem bewährten General der Infanterie v. Kathen übertragen worden. In langer zielbewußter Arbeit waren alle Vorbereitungen getroffen worden. Luftschiffe und Wasserflugzeuge hatten die Befestigungen auf Sworbe heftig beworfen. Ausgezeichnete Lichtbildaufnahmen hatten Lage und Art der Küstenwerke auch in Einzelheiten genau erkennen lassen. Der häufige Flug über Sworbe hatte die Aufmerksamkeit der Russen hierher gelenkt und von den Buchten des Nordrandes der Insel Ösel abgeleitet. Die Anmarschkurse in die Taggabucht waren festgelegt und wurden dauernd durch Minensuchverbände bewacht. Ein unter dem General der Infanterie v. Kathen einzuschiffendes Landungskorps war in Libau bereitgestellt. Häufige Ein- und Ausschiffungsübungen schulten Führer und Truppe für den Seetransport und die Landung. Minensucherverbände erfüllten inzwischen ihre harte Aufgabe: dem Landungskorps und der Flotte den Weg zu bahnen durch die Minenfelder bei Ösel. Über jedes Lob erhaben bleibt die stille, entsagungsvolle Arbeit dieser Seeleute! Sie trugen die Hauptlast des vorbereitenden Angriffs. Dankbar blickt Flotte und Heer auf diese unerschrockenen Männer.
Ungünstige Witterung, Sturm und Nebel verzögerten den Beginn der Operationen. Endlich, am 11. Oktober, liefen aus dem Hafen von Libau die in mehrere Transportgruppen gegliederten Landungstruppen des Korps v. Kathen aus, geleitet und gesichert durch Kreuzer und Torpedoboote.
Leichter Nebel bedeckte am 12. Oktober bei Tagesanbruch die Küstenstreifen der Insel Ösel. Weithin herrschte Ruhe. Die Minensuchflottille hatte am Abend zuvor Markboote und Bojen ausgelegt zur Bezeichnung der geöffneten Minenstraße. In langsamer Fahrt mit abgeblendeten Lichtern hatte die Transportflotte ohne Verluste die Minenstraßen passieren können. Im Schutze des Nebels liefen Torpedoboote der Vorhut in die Taggabucht ein, zunächst unbemerkt von den Batterien Hundsort und Ninnast. Unverzüglich wurden die ersten Landungstruppen an Land geworfen. Fast ohne feindliche Gegenwirkung wurden schwache Vortruppen der von Generalleutnant v. Estorff geführten Landungstruppe an Land gesetzt. Kaum eine halbe Stunde später war die Ausschiffung weiterer Teile der Vorhut in gutem Fortschreiten. Nur schwach feuerte der Feind mit einer flankierenden Feldbatterie in die Taggabucht und versuchte vergeblich die Landung zu stören. Inzwischen hatten Teile der Schlachtflotte ihr Feuer auf die Batterien Hundsort und Ninnast eröffnet, die nach kurzem Widerstand schwiegen. Und nun vollzogen sich die weiteren Landungen genau nach dem vorgesehenen Plane. Während die Vorhut im Vorgehen gegen Kielkond zum Schutz der Landung einen Brückenkopf bildete, nahmen schwache Teile in schnellem Vorstoß nach Norden die Batterie Hundsort. Fast mit Windeseile vollzog sich dieses Vorgehen. Eine nach 6 Uhr an der Westlandestelle der Taggabucht ausgeschiffte Kompanie nahm 7 Uhr 30 Min. vormittags eine russische Feldbatterie. Dreiviertel Stunden später die starke Batterie Hundsort von Land aus. Damit war die den Westen der Taggabucht umsäumende Halbinsel dem Feinde entrissen. Die ersten Gefangenen wurden zu den Landungsstellen geführt. Auf dem Ostufer der Bucht gingen Teile eines Infanterieregiments mit gleicher Schnelligkeit vor, überrannten eine Feldbatterie zu 4 Geschützen und nahmen bereits 10 Uhr 20 Min. vormittags die Küstenbatterie Ninnast. So waren in kürzester Zeit nach der Landung der Vorhut beide Flanken der Taggabucht vom Feinde gesäubert, zwei russische Feldbatterien und zwei 15 cm-Küstenbatterien überrannt und in unserer Hand. Damit war die Taggabucht für die Ausschiffung des Gros der Transportflotte frei.
Um 7 Uhr vormittags war unter dem Schutze eines Kreuzers eine Torpedobootflottille gegen die Halbinsel Pamerort vorgestoßen und hatte eine besondere Gruppe bei Pokka gelandet. Ohne Verzug stieß diese Gruppe in südöstlicher Richtung gegen den stark ausgebauten Brückenkopf westlich Orrisar vor, um hier dem Gegner den Rückzug über den Steindamm und durch den flachen Kleinen Sund nach der Insel Moon zu verlegen.

Die ersten russischen Gefangenen auf Ísel
Die ersten russischen Gefangenen auf Ísel

II.

Sollte die Absicht des schnell en Vorstoßes von der Taggabucht in südlicher Richtung gegen Arensburg und damit die Abschneidung der auf der Halbinsel Sworbe stehenden Russen gelingen, so mußte die Riesenarbeit der Landung in der Taggabucht ohne Reibung genau nach dem vorgesehenen Plane durchgeführt werden. Ohne Hemmung vollzog sich unmittelbar nach dem Einlaufen des Gros die Ausschiffung und Landung. Dem Fregatten-kapitän v. Schlick, seinem Stabe und seinen Leuten gebührt das Verdienst und das Lob der schnellsten, reibungslosen Durchführung dieser Riesenaufgabe. In unermüdlicher Arbeit bei Tag und bei Nacht wurden an den schnell geschaffenen Landungsstellen fechtende Truppen, Pferde, Geschütze, Fahrzeuge, Lastkraftwagen, Munitions- und Verpflegungskolonnen an Land gesetzt. Wie ein Uhrwerk spielte sich diese mühsame Arbeit ab, so schnell, daß die Landung einen halben Tag früher als vorgesehen beendet war. Darauf beruhte der strategische Erfolg des schnellen Vorstoßes durch die Insel. Es mag unbegreiflich erscheinen, daß der Gegner das Einlaufen des Landungskorps in der Taggabucht zu spät für rechtzeitige Gegenwirkung bemerkte. Unter Befehl des Konteradmirals Szweschnikow standen auf Ösel Teile der 107. Division(Generalmajor Iwanow) und 118. Division (Generalmajor Martynow), etwa 500 Mann Grenzwach-Kavallerie unter Oberstleutnant Jakimowitzsch und einige Tausend Arbeitssoldaten. Einige der Infanterie-Regimenter - besonders die Regimenter 470 und 472 - sollen unzuverlässig gewesen sein und Neigung zur Meuterei gezeigt haben, während besonders die Regimenter 425 und 426 als gute, zuverlässige Truppen beurteilt wurden. Anscheinend hat Admiral Szweschnikow unter dem Einfluß der gegen die Halbinsel Sworbe gerichteten Demonstrationen unserer Schlachtflotte die Landung auf der Halbinsel Sworbe vermutet, und dorthin seine Hauptkräfte zusammengezogen. So war wohl eine rechtzeitige Abwehr unserer überraschenden Landung in der Taggabucht durch ausreichende Kräfte unmöglich. Die Vorbedingung zum Siege - die Überraschung - lag somit von Anbeginn auf deutscher Seite.
Durch den schnellen Vorstoß der Hauptkräfte der Gruppe Estorff in zwei Kolonnen über Linie Kergel-Saufer gegen Arensburg und das Gelände nordöstlich wurde die Insel in zwei Teile geschnitten. Den westlich Arensburg und auf der Halbinsel Sworbe stehenden Russen blieb nur der Kampf mit Front nach Norden, rechtzeitige Flucht nach Moon oder verzweifelter Durchbruch. Zwar wurde zur Rettung der Abschnittsgruppe bei Kuiwast im Großen Sund in aller Eile eine Transportflotte versammelt, um bei Arensburg die Truppen einzuschiffen und von der Insel etwa nach Reval zu führen. Die Absicht war aber nicht mehr durchführbar. Arensburg fiel in unsere Hand, bevor die Transportflotte Kuiwast verlassen konnte.
Ohne Verzug setzten sich unmittelbar nach der Ausschiffung die deutschen Kolonnen in Bewegung. Teilweise ohne Maschinengewehre, ohne Pferde, ohne Fahrzeuge marschierte die fechtende Truppe vorwärts; auch Artillerie fehlte noch. Selbst die Regimentsstäbe gingen zu Fuß. Eine rechte Kolonne nahm die westlich Kielkond gelegene Flugstation Papenholm. Die völlig unversehrten Anlagen mit 5 Flugzeugen fielen hier in unsere Hand. Bereits am 13. Oktober abends hatte diese Kolonne in weiterem Vorgehen gegen die Landenge von Sworbe die Gegend von Lassiküll erreicht, um im weiteren Vorstoß nach Süden gegen die Befestigung der Halbinsel Sworbe vorzugehen. Inzwischen begannen Teile unserer Schlacht-flotte den Artilleriekampf mit der starken Batterie Zerel. Vergeblich versuchten feindliche U-Boote durch wiederholte Torpedoangriffe unsere Linienschiffe zu stören. Vergeblich rief der Kommandant der Batterie Zerel die russische Flotte und russische Regimenter um Hilfe an. Im Feuerkampf auf größte Entfernung wurde die Batterie Zerel zum Schwel gen gebracht. Durch die alsbald hergestellte Gasse der Minensperre südlich Sworbe stand unserer Flotte der Weg in den Rigaischen Meerbusen und zur Einwirkung gegen die durch den Großen Sund zur Rettung der Inselbesatzung anlaufenden russischen Flotte offen. Nach glänzenden Marschleistungen und in dauernden heftigen Gefechten erreichte die mittlere Gruppe im Vorgehen über Irrassel-Karmel die Gegend bei und nördlich Arensburg, um dann in einer Linksschwenkung nach Nordosten gegen den inzwischen von der von Pamerort gelandeten Gruppe besetzten und trotz wechselvoller Kämpfe gehaltenen Brückenkopf von Orrissar vorzustoßen.
In dem schnellen Einbruch starker Kräfte von der Taggabucht quer durch die Insel gegen Arensburg und in der Abschließendes Brückenkopfes von Orrissar liegt der Schlüssel zum taktischen Erfolge. Die russische Besatzung war der Möglichkeit beraubt, sich rechtzeitig dem Druck der gleichzeitig gegen drei Stellen der Insel gerichteten Angriffe zu entziehen oder mit Überlegenheit an einer Stelle die Lage wieder herstellen zu können. Tatkräftige Operationen unserer Flottenteile gegen den Kleinen Sund und den Großen Moon-Sund unterstützten das Vorgehen, verhinderten das Eingreifen der russischen Flotte und das Entkommen der Russen nach dem Festlande, und trugen so zum schnellen Siege bei. Zum ersten Male in diesem Kriege hatten deutsche Armeeteile gemeinsam im engsten Zusammenhange mit der Flotte gekämpft. Gegenseitige Unterstützung in vollkommenster Weise, innigstes Verständnis der gegenseitigen Aufgaben und der unerschütterliche Wille zum Siege zu Wasser und zu Lande brachten den Erfolg.

 

Berichte aus dem deutschen Großen Hauptquartier 1914-1918

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